Das Jahr neigt sich dem Ende zu und langsam aber sicher wird es auch Zeit, den ersten Teil dieses Blogs abzuschließen. Die erste Hälfte meines Auslandsaufenthaltes an der Boston University ist nämlich auch schon vorüber. Kaum zu glauben. Bevor ich allerdings Gefahr laufe, ins Sentimentale abzudriften möchte ich euch noch kurz meine Erfahrungen und Eindrücke vom „Winter“ der letzten Tage schildern.
Abschied
Fangen wir mit der Abschiedsparty an. In den Kavernen meines Wohnheims gibt’s eine geräumige Küche, einen Fernseher und gemütliche Sitzecken. Nichts lag näher als die komplette Truppe einzuladen und den Abend bei „Secret Santa“, Pizza, Fingerfood und (ja, es war ein Wohnheim) alkoholfreien Getränken zu verbringen.
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| at least try to look authentic, guys! |
Die Afterparty gab es dann direkt über die Straße, im Crossroads Pub. Radeberger, Tequilashots und tränenreiche Abschiede inklusive.
Heimreise: Vom ersten Schnee und Flüchtlingslagern
Meine Odyssee begann am Montag in Boston. Der erste Schneefall setzte am Vormittag ein und tauchte die ganze Stadt in winterliche Farben. So richtig genießen konnte ich das leider nicht mehr, da schon in den Tagen zuvor immer wieder das Thema Verkehrschaos in Europa durch die Medien lief und mein gebuchter Flug unausweichlich durch „LHR“ führen sollte. Aber gut – nicht zu ändern: Ab und mitten ins Getümmel.
1. Boston-Logan
Der Spaß begann direkt nach dem Boarding. Leider hatte die Bodencrew vergessen, das Abwasser abzupumpen. Also saßen wir für eine halbe Stunde in der Maschine fest und sind im Anschluss erst einmal noch gute 15 Minuten kreuz und quer über die Taxiways chauffiert worden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir das Terminal mehr als zweimal passiert haben. Ob der Pilot ein „waschechter Ire“ war die Orientierungsprobleme doch auf den aufkommenden Schneesturm zurückzuführen waren, konnte ich nicht mehr ergründen.
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| Die nächste Station war dann Philadelphia. 2 Stunden unterwegs. |
Am Gate spielte sich ein kleines Drama ab. Eine Großfamilie (2+6) mit Kindern im Alter von ca. 2-8 hat fidel ihr gesamtes Umfeld unterhalten. Ungeschickterweise ist der Mama beim Spielen mit ihren Engeln entgangen, dass plötzlich eine ihrer Töchter verschwand und - sich vom Entdeckergeist beseelt – auf den Weg machte, das Terminal zu erkunden.
Wenige Minuten später kam ein Sicherheitsbeamter in seinem kleinen Gefährt angebraust und beförderte die Kleine auf der Ladefläche. Dann war erst recht die Hölle los und die Eltern durften sich eine moralische Standpauke anhören, wie verantwortungslos und unbedacht sie seien. Damit aber noch nicht genug: Aufgrund irgendwelcher Statuten wurden dann noch die Personalien aufgenommen und die Beiden wurden davon in Kenntnis gesetzt, dass sie eine Anzeige wegen Verletzung ihrer Aufsichtspflicht zu erwarten hätten.
Die anderen Reisenden durften die Suppe dann ausbaden, weil die Eltern ihre kleinen Dämonen jetzt sofort zurückpfiffen, sobald sie sich mehr als ein paar Meter entfernt hatten. Ich war froh, Laptop und Kopfhörer dabei zu haben.
Was den Flug angeht, verlief alles reibungslos und überpünktlich. Verhaltene Hoffnung machte sich bei mir breit.
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| Sollte es etwa doch alles funktionieren!? 12 Stunden unterwegs. |
Der Spaß begann als mir der freundliche Beamte im Transferbereich eröffnete, dass ich zunächst aus dem Sicherheitsbereich heraus muss und mir ein neues Ticket für den Weiterflug nach Dresden zu organisieren.
Im Flughafenbereich waren allerdings überall Barrieren aufgestellt und der komplette Check-In Bereich war abgezäunt und von Sicherheitskräften bewacht. Alle hielten handschriftliche oder gedruckte Listen in der Hand. Auf Auskunft hin hieß es dann, dass mein Weiterflug nach Dresden leider ersatzlos gestrichen worden sei. Seufz. Telefonisch habe ich von der Airline die Information erhalten, dass der nächste Flug nach Dresden „nicht vor dem 24. Verfügbar sei“. Zum Glück konnte ich noch auf einen früheren Flug umbuchen, wenn auch nach Berlin. 15 Stunden unterwegs.
Im Flughafengebäude selbst saßen und lagen überall Reisende auf ihren Koffern und schlugen die Zeit tot. Manche mit Laptop, manche mit Zeitungen und Andere starrten einfach nur ins Leere.
Auf Empfehlung der Sicherheitskräfte habe ich mich dann aus dem abgesperrten Terminal heraus begeben und bin dem allgemeinen Strom zu zwei großen Zelten gefolgt. Ohne Mist – es ging zu wie im Flüchtlingslager:
- Zelte, aufgebaut auf einem abgesperrten Stück Straße
- Kinder schreien, vereinzelte Reisende weinen
- Es werden Suppe, Heißgetränke und Süßigkeiten verteilt
- Menschen mit Sicherheitswesten und Flüstertüten wiederholen Kommandos und Updates „[…] 3.15: Flight LH 3347 cancelled. 3.20: flight BD847 cancelled. […]“
- Mobile Latrinen säumen die nähere Umgebung
Das war zu viel für mich. Erst einmal ein paar britische Pfund organisiert und mich bis zu einem Lufthansa-Angestellten durchgefragt. Der hat mir dann einen interessanten Flyer in die Hand gedrückt: Scheinbar ist die EU mal wieder aktiv geworden.
Insbesondere „EU 261“ ist interessant: Die Fluggesellschaften sind dazu verpflichtet, gestrandeten Passagieren Unterkunft, Spesen und zwei Anrufe (^^) pro Tag zu erstatten. Muss ich mehr sagen? Die Nacht habe ich im „Graham Court“ verbracht – mitten in der Londoner Innenstadt; das Zimmer für 195 britische Pfund, exklusive Wi-Fi. Es sollte aber noch kurioser werden. 18 Stunden unterwegs.
Zwar saß ich kurz vor dem Ziel in London fest, aber wenigstens konnte ich schon einmal dem Jetlag gegenwirken. Vor der Nachtruhe habe ich noch an der Rezeption Bescheid gegeben, dass ich doch bitte am Morgen „gegen Neun“ geweckt werden möchte. Jetzt sollte man vermuten, dass bei 250 € / Nacht diese elementare Leistung funktionieren würde.
4. London, Tag 2
Wie auch immer, am nächsten Tag bin ich erst am Mittag wachgeworden als mich die Rezeption telefonisch daran erinnerte dass die Check-Out Zeit von 11 Uhr schon vorüber sei und mir jetzt eine zusätzliche Gebühr berechnet werden würde. Übersetzt:
- "Es ist jetzt 11.15 Uhr. Wann gedenken sie, auszuchecken?
- "Moment – Ich wollte doch halb Neun geweckt werden. Was ist passiert?“
- “Ja. Laut dem System wollten sie gestern um 08.30 Uhr geweckt werden.”
- "Wie bitte? Ich bin gestern Abend angereist.“
- "Oh, da liegt wohl ein Fehler im System vor.“
- „…“
Nach kurzer Diskussion am Tresen bekam ich eine Entschuldigung, ein üppiges Frühstück und von der Gebühr war dann auch keine Rede mehr. Wenigstens etwas. 30 Stunden unterwegs.
Den Tag habe ich dann noch am Flughafen zugebracht und auf meinen Flug nach Berlin-Tegel gewartet. Ich war glücklich dass der Flug nicht noch in letzter Minute (wie so viele Andere) gecancelt wurde. Da hat mir dann auch die Stunde Wartezeit auf dem Rollfeld nichts mehr ausgemacht.
5. Berlin-Tegel
Mein Gepäck ist weg.
Es war einfach nicht an Bord der Maschine. Unnötig zu erwähnen, dass alle Weihnachtsgeschenke darin waren. Der Fluch von Heathrow? Naja – laut Auskunft der Lufthansa-Angestellten kommt es „noch in diesem Jahr, wenn auch nach den Feiertagen“. Auch egal jetzt. 40 Stunden unterwegs.
Nach 4 weiteren Stunden Autofahrt war ich dann endlich zuhause: 23. Dezember, halb Fünf morgens. Lessons Learned: Flieg niemals mit US Airways, behalte dein Gepäck immer bei dir und - am Wichtigsten - kenne deine von der EU garantierten Rechte als Fluggast!
Stigma Austauschstudent
Mehrfach angekündigt, möchte ich noch kurz meine Eindrücke aus dem vergangenen Semester zusammenfassen: Von amerikanischer Mentalität, exzessiver Teamarbeit und dem Leben als Austauschstudent.
Ihr habt es sicherlich schon gehört oder am eigenen Leib erfahren: Um sich für ein Austauschprogramm zu qualifizieren, muss man Topleistungen bringen. Lückenloser Lebenslauf, Überzeugungskraft, Charakterstärke, super Noten und samtweiche Motivationsschreiben gehören da zum Minimalanspruch. Es entsteht der Eindruck, dass das Studium im Ausland wirklich extrem anspruchsvoll sein muss, wenn SOLCHE Anforderungen gestellt werden.
Umso befremdlicher kam ich mir dann vor, als man mich in meinen gewählten Kursen in Teams von 18 bis 20-jährigen Kiddies gesteckt hat, die gerade ihre ersten Erfahrungen an der Universität, mit Gruppenarbeit und wissenschaftlichem Arbeiten sammeln. So eine echte Methodik oder planvolles Arbeiten habe ich schmerzlich vermisst. Noch schlimmer wurde es, als ich versucht habe, die Fäden etwas in die Hand zu nehmen und uns zu organisieren. Das Schema war in etwa das Folgende:
- For i = 1 to INF
- Wir diskutieren über den letzten Abend und den neuesten Tratsch
- Jemand bemerkt, dass die Zeit für das Projekt langsam eng wird
- Alle stimmen sofort darin überein, dass wir produktiver sein müssen
- Ich räuspere mich und stammele mir einen Vorschlag zurecht
- Alle stimmen sofort zu und senken den Blick auf ihren Laptop-Bildschirm
- Wir stürzen uns auf das nächste greifbare Detail des Problems und fangen an, wild zu diskutieren
- Einer liest die Aufgabenstellung laut vor, während zwei andere die Updates ihrer Freunde auf Facebook checken. Nummer 4 liest derweil Mails von Nummer 5, der „lustige“ Youtube-Videos („THE NEXT BIG THING!!“) publiziert
- Next i
Es rann nur so durch die Finger. Mir entstand so ein wenig der Eindruck, dass mir eh niemand zuhört und nur aus reiner Nettigkeit meine Vorschläge angehört und aufgenommen wurden. Einen Effekt auf die weitere Gruppenarbeit gab es jedenfalls nicht. Nach ein paar Ereignissen dieser Art war es mir dann auch schlicht egal und ich habe mich treiben lassen („Nummer 6 schreibt an seinem Blog“). Hey, immerhin brauche ich die Noten nicht. Das Thema der Gruppenarbeit war übrigens „Motivation“. Ironie? ;-)
Die Resultate der Projektarbeit waren meines Erachtens zwar mittelmäßig, aber im Rahmen der allgemeinen Notengebung in meinen Kursen gab es dafür dann Spitzennoten.
Während das auf der einen Seite heißt, dass man fachlich nicht besonders ernst genommen wird (schlecht), wird einem auf der anderen Seite auch ein noch so schlechter Witz oder jede beliebige missratene Äußerung ohne das geringste Stirnrunzeln verziehen (gut). Das trat wiederholt auf, auch ggf. beim Fechten oder in anderen Sportkursen. „Oh, you’re European?“. Man lebt außerhalb der Norm. Man trägt einen unsichtbaren Stempel auf der Stirn mit „Austauschstudent - Ich kann nichts dafür.“
Vielleicht regt es den Ein oder Anderen zum Nachdenken an; das nächste Seminar kommt bestimmt.
Und jetzt..?
Deutschland – Du hast mich wieder.
Bis Mitte Januar werde ich mich wieder in bekannten Gefilden umhertreiben. Am 8. Januar bekomme ich Besuch aus Italien - aber in den Wochen bis dahin ließe sich noch etwas machen. Ich würde mich freuen, die treue Leserschaft gern wieder mal ‚in persona‘ zu treffen.
Da ihr über meine Erlebnisse ja schon bestens im Bilde seid, können wir einfach ein Bier trinken gehen und ihr berichtet mir, was denn in der Zwischenzeit so bei EUCH passiert ist. Mein Handy ist reaktiviert :o).
Frohe Feiertage Euch allen!



























































