Oah. Was für eine Woche. Ich sitze mit einem großen Schlafdefizit am Flughafen in Orlando und es sind noch gute 7 Stunden bis zu meinem Flug in das nasskalte Neuengland. Umso mehr bietet es sich also an, die vergangene Woche revue passieren zu lassen und euch im gleichen Zug auch einige Einblicke zu verschaffen. Die Fotos dazu stammen größtenteils von Klas und seiner exorbitanten Kamera.
Roadtrip? Habt ihr auf der Straße gepennt?
Nicht wirklich. Dahinter verbirgt sich nicht viel mehr, als dass wir bis zu unserer Ankunft am vergangenen Sonntag keine großen Reiseplanungen getroffen hatten. Einzig und allein der Mietwagen war im Vorfeld gebucht - wir haben uns vorgenommen, den Rest ungebunden und spontan so zu gestalten. Je nachdem, wie uns die Städte, Strände und das Nachtleben zusagen würden. Apropos Spontanität: Klas kenne ich seit ungefähr 6 Wochen.
Am Flughafen gab es dann schon den ersten Schock. Obwohl wir zu spätnächtlicher Stunde gelandet sind, herrschten solide 20°C. In den folgenden Tagen waren dann auch eher Shorts und Flipflops ständige Wegbegleiter. So einige Male habe ich mich gefragt, ob ich nicht lieber ein Austausch-Uni in einer wärmeren Gegend als Neuengland hätte suchen sollen. Es hätte sich zumindest langfristig positiv auf generelles Wohlbefinden und vornehme Bräune ausgewirkt ;o).
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| Spontane Begeisterung! |
Zurück zum Geschehen: Wir haben uns also am Flughafen einen Mietwagen ausgesucht und sind Hals über Kopf ins Abenteuer aufgebrochen. Es gibt in den Staaten eine Unzahl von Franchise-Motel-Ketten, die meist geballt auftreten. Es machte also (mit einer Ausnahme, siehe unten) keine großen Schwierigkeiten, immer eine Übernachtung zu finden.
Bemerkenswert ist jedoch, dass sich all diese Motels bis ins letzte ähnlich sind. Vom Grundriss der Zimmer, über das Latino-Servicepersonal bis hin zu den unwürdigen Frühstück (
greasy Donuts, Bodenseh-Kaffee und Weißbrot mit "Weintrauben"- oder "Apfel"gelee aus Plastiknäpfchen) sind fast keine Unterschiede auszumachen. Wir können uns im Moment nicht mal mehr erinnern, bei welchen Ketten wir eigentlich genächtigt haben. Na, gibt ja auch wichtigere Dinge.
Wir haben uns bei Antritt der Reise zwei Dinge vorgenommen: Zum Einen wollten wir bei keiner Kette zweimal Kunde sein, also weder in Sachen Junkfood - noch in Sachen Motel. Zum Anderen wollten wir frische Orangen pflücken/besorgen; schließlich ist Florida doch dafür weltberühnt, oder? Während das Erstere unser Erinnerung nach gepasst hat, war die Sache mit den Orangen schon schwieriger.
Kommen wir also zum Filetstück des Postings. Die Erlebnisse von 7 Tagen und mehr als 1300 Meilen in Florida:
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| Die Um- und Irrwege nicht inbegriffen |
Die ersten Tage: Orlando, Kissimee, St. Petersburg, Fort Myers, Naples
Auf dem Weg zum Golf von Mexiko haben wir uns zunächst ans Wetter akklimatisiert. Will sagen: Erst einmal in einer örtlichen Outletmall wettertauglich eingekleidet und anschließend Sonne und Strand genossen.
Von anderen Springbreakern haben wir zunächst nicht viel gesehen. Das änderte sich dann jedoch schlagartig in Fort Myers, als am Strand plötzlich ein "booty shakin' contest" ausgerufen wurde. Da wurde aus lethargischen Sonnenanbetern dann schnell notgeiles Fußvolk. Das Video braucht glaube ich keine weiteren Erläuterungen :o).
Bereits in den ersten Tagen wird uns auch klar, warum Florida als Seniorendomizil
verschrienbekannt ist. Egal ob am Strand, in Restaurants oder in notorisch zu langsamen Autos: Schlohweißes Haar überall. Deren Ballungszentren erkennt man daran, dass die Preise um ein vielfaches höher sind, die Landschaft besser gepflegt ist und große Wohnressorts die Orte dominieren. Naples war da ein hervorragendes Beispiel.
Zum Glück haben uns die Nachteile aber nicht besonders gestört, da wir bei Sonnenuntergang ja einfach ins Auto steigen und zur nächsten "hippen" Stadt weiterfahren konnten!
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| herrliches Geschäftsmodell.. xD |
Keine Orangenfarm in Sicht bisher. Klas scherzt noch, dass es ja wirklich ein "Epic Fail" seie, wenn wir es nicht schaffen, hier ein paar Orangen aufzutreiben. Naaja.Vielleicht ja im Süden Floridas?
Alligatoren und der Ritt gen Kuba: Everglades, Homestead, Marathon, Key West (, Marathon, Homestead)
Bereits am frühen Morgen sind wir in die Everglades aufgebrochen um an einer der ersten Touren dabei zu sein. Temperaturen und Touristendichte sind da noch am erträglichsten. Also frisch rauf aufs Airboat und raus in den Sumpf.
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AlliGatorparade |
Neben Alligatoren, Schildkröten und jeder Menge verschiedener Gräser gab es auch noch eine Reptilienshow zu bestaunen. Für die Mutigen gabs auch die Gelegenheit, Fotos mit "Snappy" zu machen. Ich weigere mich strikt, ihn "Schnappi" zu nennen!
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| Mein Vorgänger hatte leider weniger Glück |
Im Anschluss ging es knappe 120 Meilen nach Süden, bis nach Key West. Die Inselgruppe ist über ausgedehnte Brücken mit den Festland verknüpft und trennt den Golf von Mexiko vom Atlantik. Dadurch ergeben sich einige bombastische Ausblicke von azurblauem Wasser mit tropischem Flair. Key West ist die südlichste der Inseln und dem ein oder anderem vllt. durch Hemingway bekannt.
Jeden Nachmittag finden sich Einheimische und Touristen gleichermaßen am Mallory Square ein um das Versinken der Sonne im Meer zu beobachten. Kleinkünstler, Kramverkäufer und Bars tragen zur allgemeinen Erheitung bei und im Moment des Sonnenuntergangs applaudieren alle Versammelten. Maagisch! ;)
In Key West ist uns außerdem aufgefallen, dass viele spring breaker ungeniert in der Öffentlichkeit ihre Drinks in sich hinein gekippt haben. Das ist an und für sich als Deutscher ja nix ungewöhnliches - in den USA allerdings ein heißes Thema weil eigentlich illegal. Während man also normalerweise einen "brown bag" oder irgendwelche anderen Hilfsmittel verwenden muss, um das Ganze zu verheimlichen, schien sich in Key West niemand daran zu stören.
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| Die "übliche" Konstruktion macht Trinken in der Öffentlichkeit halblegal |
In der Touri-Info hieß es dazu lapidar, dass "[ihr] Touristen seid und besondere Rechte genießt. Tut was ihr wollt, das hier ist Key West." Höhö.
Komisch wurde es dann allerdings, als wir gewohnt spontan nach einer Unterkunft gesucht haben. Auf der gesamten Insel war nicht ein einziges Zimmer (unter $1000) zu bekommen. Auch einige Meilen weiter nördlich haben wir schon von Weitem die no-vacancy Schilder gesehen. Schließlich haben wir uns von Motel zu Motel weiter nach Norden durchgefragt und sind letztendlich - 110 Meilen nördlich von Key West um drei Uhr morgens! - in der selben Stadt untergekommen, in der wir am morgen in die Everglades aufgebrochen waren.
Lesson Learned: Spontanplanung für den Abend kommt nur dann gut, wenn auch Zimmer verfügbar sind.
Die Ostküste hinauf: Miami, SoBe, Fort Lauderdale, Delray Beach, Cape Canaveral, Orlando
Der letzte Teil unserer Rundreise führte uns über Miami bis zum Kennedy Space Center die Ostküste hinauf. Doch der Reihe nach:
Miami Beach ist eine vorgelagerte Insel, die nur dem Namen nach etwas mit Miami zu tun hat. Wir haben uns umgehört, welche Dinge es in Miami wert sind, angesehen zu werden. Während die meisten Antworten aus einem Schulterzucken bestanden, war der Typ in der Touriinfo bemerkenswert ehrlich. Oder betrunken: "Don't go to Miami, you will be shot. Or mugged".
Wir haben es nicht darauf ankommen lassen wollen und den Tag lieber am Strand genossen. Aus früheren Zeiten kannte Klas noch ein paar Leute aus dem Großraum Miami, mit denen wir den Abend mit grünem Bier und irischer Livemusik ganz ins Zeichen des St.Patricks-Day gerückt haben.
Die Dichte an Luxuskarossen war übrigens echt atemberaubend, gemessen an Lemborghini/Ferrari/Porsche/SLR pro Stunde. South Beach, baby.
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| Hehe. Na gut. Mietwagen ;) |
Nach einem betont langsamen Start in den Tag nach St.Paddys haben wir uns an der Küste entlang nach Fort Lauderdale (=Springbreak-Hochburg) und Delray Beach (=Hauptstadt für Drogen-Reha) vorgearbeitet. Die Dichte von Partyvolk und Künstlern stieg dementsprechend. Klas' Bekannte haben uns durch eine Vielzahl von Bars geschleust und letztendlich saßen wir bis tief in die Nacht in einer Art Biergarten bei trashiger Folk-Livemusik. Absolut klasse!
Dann war es soweit: der letzte Tag brach an und wir hatten noch immer keine einzigen Obststand, geschweige denn Orangenfarm gefunden. Epic Fail approaching. Auf dem Weg nach Cape Canaveral haben wir uns dann auch noch verfahren, weil das Navigationssystem in Sachen Lautstärke nicht gegen Armin Van Buuren ankam und auf Mautstraßen die Ausfahrten nur sehr spärlich gesät (alle 80 km in dem Fall) sind. Der Umweg hat uns zwar ein ziemliches Sümmchen an Gebühren gekostet, führte aber auch ironischerweise an einem Obststand, mitten in der Einöde vorbei. Wir konnten also beruhigt auch diesen Punkt unserer "to do - Liste" abhaken und gerade in diesem Moment kaue ich ein Stück sonnengereifter Orange. Schmeckt zwar gut, aber das Schälen ist eine echte Qual. Aldi-Obst hat auch was für sich.
Just bevor wir am Flughafen aufgeschlagen sind, haben wir uns noch das Kennedy Space Center auf Cape Canaveral angesehen. In einer Art Freilichtmuseum gab es diverse Trägerraketen und Space-Shuttles zu bestaunen und Wissen anschaulich vermittelt.
Mein Favorit war aber der "Shuttle Launch Simulator" - hat gerüttelt, gebockt und sich gedreht. Naja, die Kids die mit uns im Simulator waren fandens jedenfalls großartig, gemessen an Quantität und Frequenz ihrer Schreie. Ich hoffe allerdings, dass ein echter Shuttlelaunch anders ist - sonst habe ich an diesem Tag meinen Respekt vor Astronauten verloren.
Handwerkszeug
Falls der ein oder andere jetzt überlegt, selbst mal die Erfahrung Roadtrip machen zu wollen - lasst euch ein paar Dinge mit auf den Weg geben:
- Amerikaner sind geil auf Coupons. Besorgt euch so schnell wie möglich einen "RoomSaver". Das ist so eine Art Couponheft, das für jeden Bundesstaat einzeln erscheint und so ziemlich alle Motels listet. Außerdem erhält man gegen Vorlage des entsprenden Coupons (je nach Verfügbarkeit) Preise die deutlich unter den gängigen Preisen liegen.
- Motels liegen zumeist an den Interstates, d.h. nicht unbedingt zentral in größeren Städten. Falls es mal schnell ein Hotel sein muss dann lasst euch www.priceline.com nicht entgehen. Dort werden verfügbare Hotelzimmer gelistet, es gibt nette und hilfreiche (Umkreis-)Suchfunktionen und mit etwas Übung kann man auch großartige Deals machen. "Name your own price" ist das Stichwort.
Danke an Roland und Paul für den Tipp im Vorfeld - hat uns in SouthBeach ein Vermögen gespart!
- Starbucks bietet seit Juli letzten Jahres kostenfreies Wi-Fi an. Ich kann an meinen Extremitäten nicht mehr abzählen, wie oft wir uns mit dem Auto auf den Parkplatz danebengestellt und Unterkunft/Abendplan/Facebook durchorganisiert haben. Das Beste: es ist nicht nur kostenlos, sondern auch noch vergleichsweise schnell!
- Ask the locals. Gerade wenn man nur eine Woche Zeit hat, kann man nicht erst ein paar Tage lang die Gegend auskundschaften um die besten Bars / Restaurants und so weiter zu finden. Die besten Tipps und Empfehlungen haben wir von Einheimischen, bzw. anderen Springbreakern bekommen. Spätestens wenn sich herausstellt, dass man Europäer ist hat man zumeist schon gewonnen.
- Die Dichte an Radiosendern in den Staaten ist atemberaubend. Leider sind alle ausnahmslos Müll. Führt also eine angemessene Menge an Musik mit euch und stellt sicher, dass alle Autoinsassen einen guten Geschmack haben. ;-)
So insgesamt..
.. war dieser Roadtrip noch weitaus mehr, als wir uns anfangs vorgestellt hatten. Da wir uns auch lange Zeit abseits der etablierten Spring-Break-Hochburgen aufgehalten haben, bestand die Woche aus einem guten Mix aus Party und (Kul-)Tour.Beide Daumen hoch für Florida!
Ein einziger Wehrmutstropfen bleibt jedoch. Nach den 7 Tagen bin ich sowas von an Sommer und Strand gewöhnt, dass mir die Rückkehr nach Boston gewisse Schmerzen verursacht. Laut Ankündigung gibts die nächsten Woche Temperaturen von < 5° C und Schnee. Brrr....