Dienstag, 16. November 2010

Ahornblätter und jeeede Menge Wasser!

Schlagartig ist uns klar geworden, dass die Zeit in Boston nicht unbegrenzt ist und die Möglichkeiten, das Umland zu erkunden immer knapper werden. Nachdem die vergangenen Wochen es nahezu unmöglich gemacht haben, sich als Tourist zu verdingen, haben wir in kleiner Gruppe kurzerhand beschlossen, uns den nördlichen Nachbarn der Vereinigten Staaten einmal näher anzusehen.
Im Folgenden gibt es also einen Auszug des Reisetagebuchs vom zweitägigen Road Trip nach Kanada, dem Land des Ahorns und der Grizzlybären!

Donnerstag - Reisevorbereitung

Vormittag:
Als Austauschstudent mit Visum muss ich mir eine sog. Reiseunterschrift von der zuständigen Stelle der BU beschaffen. Ohne die kann ich zwar wahrscheinlich unbehelligt ausreisen - aber spätestens bei der Rückfahrt ist an der Grenze Schluss. Einfach gesagt beweist die Unterschrift, dass mich die Uni zurückhaben will.
Also, nichts wie ab ins "International Student and Scholars Office" (ISSO), um die begehrte Unterschrift abzugreifen. Es ist höchste Eisenbahn, Freitag früh um 6 soll der Trip starten.

nach dem Mittagessen:
Mist, laut New York Times ist heute "Veterans Day". Ist das ein Feiertag? Kann kaum sein: Alle Läden sind geöffnet und auch Vorlesungen finden planmäßig statt. Davon hätte ich sicher gehört.


Kurze Zeit später, vor verschlossenen Türen des ISSO:
Verfluchte Dienstleistungsgesellschaft und irreführende 24/7 Politik der Geschäfte. Es IST Feiertag. Ich habe keine Chance mehr an eine Travel Signature zu kommen, bevor der Trip beginnt.

Freitag 

Vormittag
Zum Glück hat ein schneller Krisenrat beschlossen, die Abfahrt ein paar Stunden zu verzögern. Glücklich und müde bin ich flinken Fußes in aller Frühe zum ISSO gelaufen. Die Warteschlange und die übermäßig bürokratische Sekretärin machen mir jetzt auch nichts mehr aus - einfach lächeln, nicken und bloß nicht beschweren.

Kanada, ich komme! Wir haben sogar ein angemessenes Vehikel für unseren Roadtrip bekommen
Umweltschutz? SUV, baby!
Die Truppe vlnr: Jessie, Idah, Tashya, David, Betta
Abend

Nach acht Stunden Autofahrt stelle ich fest, dass ich einfach physisch ungeeignet für Langstrecken bin. Das allgegenwärtige Tempolimit von 65 mph (=112 km/h) auf den Highways trägt auch nicht gerade dazu bei, das Leid zu verkürzen.

Dichter Nebel zieht auf als wir uns der Grenze nähern. Zwischenzeitlich kann man keine 100 Meter weit sehen und die aufkommende Dunkelheit verbessert die Situation auch nicht. Gruselig. Werden wir die Niagarafälle überhaupt finden?

An der kanadischen Grenze folgt dann die nächste Überraschung. Tashya, eine gute Freundin aus Sri Lanka braucht aufgrund verworrener diplomatischer Beziehungen ein Visum um in Kanada einreisen zu dürfen. Blöd, dass das niemand wusste. Der Trip verzögert sich durch die Suche nach einer alternativen Unterkunft auf amerikanischer Seite der Grenze etwas und wir verabreden uns für den nächsten Tag.

Endlich in Kanada angekommen beschließen wir, die Niagarafälle noch in dergleichen Nacht in Augenschein zu nehmen. Der Reiseführer verspricht "ein Feuerwerk und große Scheinwerfer, die den nächtlichen Besuch zu einem besonderen Erlebnis machen". Der Nebel wird dicker. Leider sind die Fälle auf der Karte, bzw. im Navigationssystem nicht verzeichnet. Nach einigen Meilen an der Uferstraße kehren wir fluchend um und checken erst einmal in der Jugendherberge ein.
Man sieht ihn zwar nicht, aber man ahnt dass der Psychopath nicht weit sein kann
Die ganze Szenerie ist unheimlich. Die Gegend liegt im dichten Nebel, das Hostel ist mit dichtem Grün überwachsen und unmittelbar dahinter scheint eine alte Fabrik zu sein, Stacheldraht und klappriges Tor inklusive.

Ich schwöre, der Rezeptionist war in seiner Jugend ein Hippie. Woran erinnert mich das alles hier bloß?

30 Minuten später sind wir eingecheckt und mit Wegbeschreibungen ausgestattet. Also wieder ins Auto, nochmal zurück. So schwer kann das doch nicht sein. Mittlerweile hat sich der Nebel stellenweise gelichtet, so dass wir die Wasserfälle auch beim ersten Anlauf finden. Das Feuerwerk ist mittlerweile zwar leider vorbei, aber die Scheinwerfer erhellen die unheimliche Szenerie etwas.


Warum sind wir die einzigen Besucher hier? Gegen zwei Uhr kommen wir frierend und durchnässt wieder im Hostel an und fallen ins Bett. Hoffentlich löst sich der Nebel bis morgen auf.

Niagarafälle: scheinbar etwas kamerascheu.
Zwischenzeitlich fällt mir auch wieder ein, wo ich das schonmal gelesen, bzw. gesehen habe: "Der Nebel (Stephen King, 2007).

Samstag


Vormittag

Glück gehabt. So langsam lichtet sich alles etwas und die Sonne kommt zum Vorschein. Kanada ist doch nicht so übel - plötzlich sieht alles sehr viel einladender aus. Im Hostel finden sich plötzlich überall kleine Gruppen in denen munter Deutsch, Italienisch, Französisch, Russisch und noch viel mehr gesprochen wird. Der Aufbruch nach dem Frühstück fällt uns schwer.
"Und wo kommst du eigentlich her?"
Ins Auto und ab dafür. Der Nebel hat sich mittlerweile komplett aufgelöst und wir finden den Weg diesmal auch ohne Hilfe. Unmittelbar neben den eigentlichen Wasserfällen (je einer auf kanadischer und einer auf US-Seite) ragen Hotels der großen Ketten in den Himmel. Marriott, Hilton, Sheraton - alle sind dabei. Irgendwie hatte ich angenommen, unberührte Natur vorzufinden. Stattdessen gibt es sogar Casinos.

Den Tourismus-Einschlag kann man zwar nicht verleugnen, aber das Panorama ist einfach atemberaubend und entschädigt für alle Widrigkeiten. Glaubt ihr nicht? Schaut selbst!
Der US-Teil der Niagara Fälle "American Falls"
im Hintergrund zu sehen: Die Rainbow-Bridge, der Grenzübergang
Auf kanadischer Seite: die Horseshoe-Falls

"Gestern standen wir am Abgrund,
Heute sind wir einen Schritt weiter"
Wir verbringen den besten Teil des Tages mit unzähligen Fotos und einer längeren Wanderung in der Umgebung der Wasserfälle.


später Nachmittag
Wieder zurück in den Vereinigten Staaten. Tashya eingesammelt und noch einmal die US-Seite der Wasserfälle inklusive Naturschutzparks unter die Lupe genommen. Wir treffen sogar ein Hochzeitspaar, die es wohl auf besonders spektakuläre Erinnerungsfotos abgesehen haben. Die Gegend zeigt sich versöhnlich von ihrer besten Seite und wir verschieben unsere Abfahrt noch eine weitere Stunde, um das Panorama genießen und fotografieren zu können.


 
 

Schweren Herzens beginnen wir kurze Zeit später den Rückweg nach Boston. Jede Raststätte sieht EXAKT gleich aus. Vom Layout der Parkflächen über die Anordnung der Geschäfte bis zum Sortiment der einzelnen (identischen) Läden. Während die Mannschaft schläft, bilde ich mit der Fahrerin ein Deutsch-Italienisches Sprachtandem.

kurz nach 03 Uhr
Angekommen. Müde. Bett.

Es sind noch einige weitere Schnappschüsse entstanden, die ich euch nicht vorenthalten möchte!

Kanada - und sonst so?
.. und sie hat tatsächlich ZWEI gekauft :oP
Das Fundament der Monarchie!
"Come Visit Santa" im "Christmas Shop" -
Hoffentlich gibt es auch ein Konzept für die Nebensaison..?
Zufällig sind wir über das "Light Festival" gestolpert.
Hier: Winnie Pooh
.. und das Disney-Schloß
 Insgesamt ein großartiges Wochenende - nur leider viel zu kurz.

Vielen Dank an David und Tashya, deren Fotos ich verwenden durfte.

1 Kommentar:

  1. Ich glaub's ja nicht. Da findest du ein Weihnachtsgeschäft und das erste was dir einfällt ist: Was ist das Konzept für die Nebensaison? Das Projekt hat definitiv bleibende Schäden hinterlassen :P

    VG, Christoph

    AntwortenLöschen